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Bilinguale Kita und Sprachförderung: Was zwei Sprachen im Kita-Alltag bringen

Der Erzieher sagt: "Put your shoes on, we are going outside." Das dreijährige Kind, das seit vier Monaten in der Kita ist, zieht daraufhin seine Schuhe an. Es hat keine Ahnung, was "shoes" heißt. Es weiß nur, dass dieser Mann immer so redet, dass es jetzt rausgeht und dass Schuhe dazugehören. Nach einem Jahr wird es die Sätze verstehen, nach zwei Jahren wird es einige selbst sagen können. Mit sechs Jahren wird es zwar nicht Englisch sprechen wie ein englisches Kind, aber es wird ohne Scheu sprechen und eine Aussprache haben, die deutsche Schüler nach acht Jahren Englischunterricht selten erreichen. Das ist das Versprechen der bilingualen Kita. Es ist realistisch, wenn man weiß, was es einschließt und was nicht.

Wie bilinguale Kitas arbeiten

Die meisten bilingualen Kitas in Deutschland arbeiten nach dem Immersionsprinzip: Die zweite Sprache wird nicht unterrichtet, sondern im Alltag gelebt. Eine Fachkraft spricht ausschließlich die Zielsprache, eine andere ausschließlich Deutsch. Und das den ganzen Tag und in allen Situationen: beim Wickeln, Essen, Streiten oder Trösten. Dieses Prinzip wird "eine Person, eine Sprache" genannt und stammt aus der Forschung zu zweisprachig aufwachsenden Kindern in gemischtsprachigen Familien. Die Kinder verstehen die Zielsprache durch Situation, Gestik, Wiederholung und Routine - genauso wie sie ihre Erstsprache gelernt haben. Es gibt keine Vokabelkärtchen, keine "Englischstunde", keinen Lernzwang. Der Anteil der Zielsprache im Kita-Alltag liegt idealerweise bei etwa 50 Prozent. Wenn jedoch nur eine von sechs Fachkräften die zweite Sprache spricht, liegt der Anteil bei etwa 15 Prozent. Das reicht für das Verstehen, aber kaum für das Sprechen.

Die häufigsten Zielsprachen sind Englisch, Französisch (vor allem im Südwesten und in Grenzregionen), Spanisch, Türkisch, Russisch, Dänisch (in Schleswig-Holstein) und Sorbisch (in Sachsen und Brandenburg). Der Verein für frühe Mehrsprachigkeit an Kindertageseinrichtungen und Schulen (FMKS) zählt mehrere tausend bilinguale Kitas und Kita-Gruppen in Deutschland, und die Zahl wächst. Die Qualität schwankt jedoch erheblich, da "bilingual" kein geschützter Begriff ist.

Was die Forschung sagt

Es gibt drei gut belegte Befunde. Erstens: Kinder, die früh und regelmäßig eine zweite Sprache hören, erwerben deren Klang, Rhythmus und Aussprache nahezu mühelos. Dieses "Fenster" schließt sich langsam in der Grundschulzeit. Zweitens geht der Erwerb der zweiten Sprache nicht auf Kosten der ersten. Die Sorge, ein Kind werde "verwirrt" oder lerne Deutsch schlechter, wurde durch die Forschung widerlegt. Zweisprachig aufwachsende Kinder mischen in einer Phase die Sprachen, trennen sie aber ab einem Alter von etwa drei Jahren zuverlässig. Drittens: Immersion in der Kita führt zu solidem Hörverstehen und einem dem Alltag entsprechenden Wortschatz, aber nicht zu Zweisprachigkeit im Sinne zweier gleich starker Sprachen. Wer nach der Kita in eine deutschsprachige Grundschule wechselt und die Zielsprache nicht weiter hört, verliert einen großen Teil wieder. Die Kita legt ein Fundament. Ob darauf aufgebaut wird, entscheiden die Schule, die Familie und der Alltag.

Ein häufig zitierter Zusatznutzen sind die sogenannten exekutiven Funktionen. Dazu gehören die Aufmerksamkeitssteuerung, das Wechseln zwischen Aufgaben und das Unterdrücken von Ablenkung. Mehrsprachige Kinder schneiden in einigen Studien in diesen Bereichen etwas besser ab, in anderen nicht. Der Effekt ist umstritten und jedenfalls klein. Eltern, die ihr Kind wegen der Gehirnentwicklung in eine bilinguale Kita geben, überschätzen den Effekt. Wer es jedoch tut, damit das Kind später ohne Angst Englisch sprechen kann, hat eine realistische Erwartung.

Woran Sie eine gute bilinguale Kita erkennen

Fragen Sie beim Besichtigungstermin, wie viele Fachkräfte die Zielsprache sprechen und ob sie Muttersprachler oder nahezu muttersprachlich sind. Eine Erzieherin mit Schulenglisch, die den Morgenkreis auf Englisch leitet, bietet keine Immersion. Fragen Sie auch, ob die Fachkräfte, die die Zielsprache sprechen, pädagogisch ausgebildet sind oder ob sie die Sprache lediglich mitbringen. Beides ist nötig und schwer zu finden, weshalb bilinguale Kitas häufiger Personalprobleme haben als andere. Fragen Sie auch, ob die Fachkräfte konsequent bei ihrer Sprache bleiben oder ins Deutsche wechseln, wenn es schwierig wird. Fragen Sie auch, wie die Kita Kinder unterstützt, die mit einer dritten Sprache zu Hause kommen. Ein Kind, das Türkisch spricht und in eine deutsch-englische Kita geht, lernt zwei Zweitsprachen gleichzeitig. Das kann gelingen, braucht aber Begleitung.

Fragen Sie außerdem, was nach der Kita mit der Zielsprache passiert. Einige bilinguale Kitas sind an bilinguale Grundschulen angegliedert oder kooperieren mit ihnen. Dann trägt diese sprachliche Investition weiter. Andere Kitas stehen jedoch für sich, sodass die Eltern den Anschluss selbst organisieren müssen. Bilinguale Grundschulen finden Sie z.B. auf unserem Partnerpotal schulerfahrung.com

Sprachförderung in der Regelkita: das eigentliche Thema

Für die große Mehrheit der Kinder stellt sich nicht die Frage nach der zweiten Fremdsprache, sondern nach der ersten Bildungssprache: Deutsch. Rund ein Fünftel der Kinder im Vorschulalter wächst in Deutschland mit einer anderen Familiensprache auf. Selbst bei einsprachig deutschen Kindern stellen die Schuleingangsuntersuchungen häufig Sprachauffälligkeiten fest. Deshalb haben alle Bundesländer Sprachförderung in ihren Bildungsplänen verankert - wenn auch mit sehr unterschiedlichen Systemen: verpflichtende Sprachstandserhebungen ein bis zwei Jahre vor der Einschulung (zum Beispiel Delfin in NRW, HAVAS in Hamburg oder die "Vorlaufkurse" in Hessen), Sprachförderkräfte in Kitas mit einem hohen Anteil mehrsprachiger Kinder (das Bundesprogramm "Sprach-Kitas" lief bis 2023 und wurde in den meisten Ländern in Landesprogramme überführt) sowie alltagsintegrierte Sprachbildung als Grundprinzip für alle Fachkräfte.

In den letzten fünfzehn Jahren hat sich der fachliche Konsens verschoben: weg von additiven Förderprogrammen, in denen Kinder in Kleingruppen ihren Wortschatz üben, hin zur alltagsintegrierten Sprachbildung. Dabei wird jede Situation - das Anziehen, das Essen, der Streit um die Schaufel - sprachlich reich begleitet. Die Evaluationen der additiven Programme (wie der Studie zum Programm "Sag mal was" in Baden-Württemberg) zeigten enttäuschende Ergebnisse. Die alltagsintegrierte Sprachbildung ist zwar schwerer zu messen, entspricht aber den Erkenntnissen der Spracherwerbsforschung. Für Eltern bedeutet das: Eine Kita mit gutem Personalschlüssel, in der das Personal viel und zugewandt mit den Kindern spricht, ihnen vorliest, mit ihnen singt und ihre Fragen beantwortet, fördert die Sprache mehr als jedes Programm. Die Vorschularbeit im letzten Jahr baut genau darauf auf. Fragen Sie also nicht, welches Förderprogramm die Kita hat, sondern hören Sie vielmehr zu, wie dort gesprochen wird.

Wann die bilinguale Kita die falsche Wahl ist

Ein Kind, das in der Erstsprache deutlich verzögert ist, gehört nicht zusätzlich in eine Immersion, sondern zum Kinderarzt. Gegebenenfalls ist auch eine Frühförderung und/oder Logopädie erforderlich. Die zweite Sprache kann später erlernt werden. Ein Kind, das zu Hause bereits zwei Sprachen hört, ist mit einer deutschsprachigen Kita, die seine Familiensprache wertschätzt, oft besser bedient als mit einer dritten Sprache. Familien, die eine bilinguale Kita wählen, weil sie sonst keinen Platz bekommen, sollten wissen, dass dieses Konzept Personal bindet, das anderswo fehlt. Bilinguale Kitas sind überdurchschnittlich oft von Fachkraftmangel betroffen. In diesem Fall ist eine Regelkita mit stabilem Team die bessere Sprachförderung.

Quellen

Verein für frühe Mehrsprachigkeit an Kindertageseinrichtungen und Schulen (FMKS), Landesbildungspläne und Sprachförderkonzepte der Länder, Bundesprogramm „Sprach-Kitas” (BMFSFJ, bis 2023), Evaluationen additiver Sprachförderprogramme (u. a. Baden-Württemberg, Hessen), Forschungsübersichten zum frühen Zweitspracherwerb (u. a. Tracy, Rothweiler, Gogolin).

Auf Kitaerfahrung.com berichten Eltern, wie die Sprachpraxis in einer bestimmten Kita aussieht, ob die Fachkräfte wirklich bei ihrer Sprache bleiben und wie mehrsprachige Kinder ankommen.

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