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Eingewöhnung nach dem Berliner Modell: Was in den ersten drei Wochen passiert

Am ersten Tag sitzt man auf einem Stuhl, der für Vierjährige gebaut ist, und tut so, als würde man ein Buch lesen. Das Kind spielt zwei Meter entfernt, schaut alle dreißig Sekunden herüber, spielt weiter. Nach einer Stunde geht man gemeinsam wieder nach Hause. So beginnt in den meisten deutschen Kitas die Eingewöhnung, und viele Eltern fragen sich in diesem Moment, wozu sie eigentlich da sind. Die Antwort: genau dafür. Sie sind der sichere Hafen, von dem aus das Kind die neue Welt erkundet. Ohne diesen Hafen gibt es keine Erkundung, nur Stress.

Woher das Berliner Modell kommt

Das Berliner Eingewöhnungsmodell wurde in den 1980er Jahren am Institut für angewandte Sozialisationsforschung/Frühe Kindheit (infans) in Berlin entwickelt, vor allem von Hans-Joachim Laewen, Beate Andres und Éva Hédervári-Heller. Es beruht auf der Bindungstheorie: Kleine Kinder können sich auf eine fremde Umgebung nur einlassen, wenn eine vertraute Bezugsperson anwesend ist. Erst wenn sie zu einer Erzieherin oder einem Erzieher eine tragfähige Beziehung aufgebaut haben, können sie die Trennung von den Eltern verkraften. Das Modell ist heute der Standard in Deutschland; die meisten Kitas arbeiten danach oder nach einer Abwandlung. Eine bekannte Alternative ist das Münchener Modell, das stärker auf die ganze Kindergruppe setzt und die Eltern länger in der Einrichtung lässt; dazu weiter unten mehr.

Die vier Phasen im Überblick

Das Berliner Modell teilt die Eingewöhnung in vier Phasen. Die Dauer ist eine Richtschnur, kein Fahrplan, dem sich das Kind anzupassen hat.

Phase 1: Grundphase (Tag 1 bis 3)

Ein Elternteil kommt mit dem Kind für ein bis zwei Stunden in die Kita, jeden Tag zur selben Zeit. Die Eltern verhalten sich passiv: Sie drängen das Kind nicht zum Spielen, gehen aber auch nicht aktiv auf andere Kinder zu. Sie sind da, sitzen an einem festen Platz und reagieren, wenn das Kind Kontakt sucht. Die Bezugserzieherin nähert sich dem Kind vorsichtig, bietet Spiel an, drängt sich aber nicht auf. In dieser Phase gibt es keinen Trennungsversuch, auch nicht kurz zum Auto. Das Wickeln und Füttern übernehmen weiter die Eltern.

Phase 2: Erster Trennungsversuch (Tag 4)

Am vierten Tag (nie an einem Montag, weshalb viele Kitas die Eingewöhnung dienstags oder mittwochs beginnen) verabschieden sich die Eltern kurz und deutlich vom Kind und verlassen den Raum, bleiben aber in der Kita. Entscheidend ist, was jetzt passiert. Bleibt das Kind gelassen oder weint es kurz und lässt sich von der Erzieherin trösten, dauert die Trennung etwa eine halbe Stunde. Weint es untröstlich und lässt es sich nicht beruhigen, werden die Eltern nach zwei bis drei Minuten zurückgeholt. Diese Reaktion entscheidet über das weitere Tempo: Im ersten Fall rechnet man mit einer kurzen Eingewöhnung von etwa sechs Tagen, im zweiten mit einer längeren von zwei bis drei Wochen, und der nächste Trennungsversuch findet erst am siebten Tag statt.

Viele Eltern erleben diesen vierten Tag als den schwersten der gesamten Eingewöhnung. Nicht, weil das Kind besonders leidet, sondern weil sie zum ersten Mal die Tür hinter sich schließen und im Flur stehen, während drinnen ihr Kind ruft. Das ist normal. Ein Kind, das weint, wenn die Mutter geht, zeigt eine gesunde Bindung. Ein Kind, dem es egal wäre, gäbe eher Anlass zum Nachdenken.

Phase 3: Stabilisierungsphase (ab Tag 5)

Die Erzieherin übernimmt nun schrittweise die Versorgung: Sie wickelt, sie gibt das Essen, sie tröstet. Die Eltern halten sich zurück und greifen nur ein, wenn das Kind sie sucht und die Erzieherin es nicht beruhigen kann. Die Trennungszeiten werden Tag für Tag länger, das Kind bleibt zum Mittagessen, dann zum Schlafen. Der Mittagsschlaf ist ein eigener Meilenstein: Einschlafen in fremder Umgebung ist für viele Kinder der letzte große Schritt, und er gelingt oft erst, wenn alles andere längst läuft.

Phase 4: Schlussphase

Die Eltern sind nicht mehr in der Kita, aber telefonisch erreichbar und in der Lage, innerhalb weniger Minuten zu kommen. Die Eingewöhnung ist abgeschlossen, wenn das Kind die Erzieherin als sichere Basis akzeptiert hat: Es lässt sich von ihr trösten, wenn es weint, und geht nach kurzem Protest beim Abschied wieder ins Spiel über. Das heißt nicht, dass es nicht mehr weint. Es heißt, dass das Weinen aufhört, sobald die Tür zu ist, und dass das Kind am Nachmittag fröhlich abgeholt wird; was in den ersten Monaten danach kommt, beschreibt ein eigener Ratgeber.

Woran Sie merken, dass es zu schnell geht

Ein Kind, das die Eingewöhnung nicht verkraftet, sagt das nicht. Es zeigt es. Typische Zeichen sind ein Rückfall in Verhaltensweisen, die schon abgelegt waren: Einnässen, Daumenlutschen, nächtliches Aufwachen, Klammern beim Abholen. Auch häufige Infekte in den ersten Wochen sind zwar teils der neuen Keimwelt geschuldet, aber Stress schwächt zusätzlich. Ein Kind, das in der Kita auffällig ruhig, fast starr ist und nichts anfasst, ist nicht entspannt, sondern überfordert; die Erzieherinnen nennen das manchmal das stille Weinen. Wenn Sie so etwas beobachten, sprechen Sie es an. Eine gute Kita wird das Tempo anpassen, auch wenn der Plan etwas anderes vorsah.

Zwei Faktoren machen die Eingewöhnung fast immer schwerer, als sie sein müsste. Der erste ist Zeitdruck: Wer die Eingewöhnung in die letzten zwei Wochen vor dem Wiedereinstieg in den Beruf legt, hat keinen Puffer, wenn das Kind länger braucht oder krank wird. Planen Sie mindestens vier, besser sechs Wochen ein; wie Elterngeld und Kita-Start zusammenpassen, steht im Ratgeber Elterngeld, Elternzeit und Kita-Start. Der zweite ist der Wechsel der Begleitperson: Wenn die Mutter die ersten drei Tage begleitet und dann der Vater übernimmt, fängt das Kind in gewisser Weise von vorne an. Eine Person, die ganze Zeit, ist die Regel, von der man nur aus gutem Grund abweicht.

Das Münchener Modell im Vergleich

Das Münchener Eingewöhnungsmodell, entwickelt in den 1980er und 1990er Jahren von Anna Winner und Elisabeth Erndt-Doll am Staatsinstitut für Frühpädagogik, setzt andere Schwerpunkte. Die Eltern bleiben deutlich länger, oft ein bis zwei Wochen, für den gesamten Vormittag in der Einrichtung und nehmen aktiv am Alltag teil. Nicht eine einzelne Bezugserzieherin, sondern die Gruppe und die anderen Kinder gelten als Brücke in die Kita. Der erste Trennungsversuch findet erst statt, wenn das Kind sich sichtbar wohlfühlt, meist in der zweiten oder dritten Woche. Das Modell dauert länger, gilt aber als sanfter, und es räumt dem Kind mehr Mitsprache ein. Welches Modell eine Kita anwendet, steht in der Regel in ihrer Konzeption; fragen Sie beim Besichtigungstermin danach. Falsch ist keines von beiden. Falsch ist nur, wenn eine Kita gar kein Modell hat und Eltern am dritten Tag nahelegt, das Kind doch einfach mal abzugeben.

Was Sie als Eltern beitragen können

Verabschieden Sie sich immer, auch wenn das Kind gerade vertieft spielt. Heimlich verschwinden zerstört Vertrauen, weil das Kind lernt, dass die Eltern jederzeit weg sein können. Halten Sie den Abschied kurz und gleichbleibend: derselbe Satz, dieselbe Geste, dann gehen. Ein Abschiedsritual, das fünf Minuten dauert, verlängert den Schmerz, statt ihn zu lindern. Bleiben Sie, wenn Sie gesagt haben, dass Sie bleiben, und gehen Sie, wenn Sie gesagt haben, dass Sie gehen. Kinder verstehen früh, ob Worte und Taten zusammenpassen.

Ein Übergangsobjekt hilft vielen Kindern: das Kuscheltier, der Schnuffel, ein T-Shirt mit dem Geruch der Mutter. Und sprechen Sie zu Hause positiv, aber nicht überschwänglich über die Kita. Ein Kind, dem jeden Abend erzählt wird, wie toll es dort sei, spürt die Anstrengung dahinter. Was hilft, ist Interesse: Was hast du heute gespielt, wer war da, was gab es zu essen.

Und nehmen Sie Ihre eigenen Gefühle ernst. Eltern, die die Trennung selbst kaum aushalten, übertragen das auf ihr Kind, ohne es zu wollen. Es ist in Ordnung, im Flur zu weinen. Es ist nur nicht hilfreich, es vor dem Kind zu tun.

Wenn es nicht klappt

Manchmal gelingt die Eingewöhnung auch nach vier Wochen nicht. Das Kind weint jeden Morgen lange, isst nicht, schläft nicht, wird immer stiller. Dann sind drei Fragen zu klären. Erstens: Stimmt die Beziehung zur Bezugserzieherin, oder wäre ein Wechsel innerhalb der Gruppe sinnvoll? Zweitens: Ist das Kind gerade in einer Entwicklungsphase, in der Trennungen besonders schwer sind? Zwischen dem achten und dem vierzehnten Lebensmonat ist das Fremdeln am stärksten; ein Beginn mit zwölf Monaten fällt vielen Kindern schwerer als einer mit acht oder mit achtzehn. Drittens: Passt die Einrichtung überhaupt? Eine Krippe mit 25 Kindern in einem offenen Konzept ist für manche Kinder das Richtige und für andere zu laut, zu groß, zu viel. Es ist keine Niederlage, eine Eingewöhnung abzubrechen und in einer kleineren Einrichtung oder bei einer Tagesmutter neu zu beginnen. Es ist eine Entscheidung für das Kind.

Woher die Zahlen und Regeln stammen

Die Phasen und Zeitangaben folgen der Darstellung des infans-Instituts (Laewen, Andres, Hédervári-Heller: "Die ersten Tage. Ein Modell zur Eingewöhnung in Krippe und Tagespflege"). Das Münchener Modell ist bei Winner und Erndt-Doll ("Anfang gut? Alles besser!") beschrieben. Viele Landesbildungspläne, etwa der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan und das Berliner Bildungsprogramm, verweisen ausdrücklich auf eine bindungsorientierte, elternbegleitete Eingewöhnung als Qualitätsmerkmal.

Wie die Eingewöhnung in einer bestimmten Kita tatsächlich läuft, erfahren Sie am ehesten von Eltern, die sie hinter sich haben. Genau dafür gibt es auf Kitaerfahrung.com die Detailnote "Eingewöhnung" in jedem Erfahrungsbericht.

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